Diabetes in Zahlen
Viele Menschen wissen nicht, dass sie Diabetes haben.
Diabetes ist eine der häufigsten chronischen Erkrankungen und betrifft etwa jeden zehnten (10 % der Bevölkerung) in Deutschland lebenden Erwachsenen. Zudem leben in Deutschland ca. 2 Mio. Menschen (ca. 2,5 % der Bevölkerung) mit unbekanntem Diabetes. Dies liegt vor allem daran, dass Diabetes zu Beginn der Erkrankung kaum bzw. nur sehr milde und unspezifische Symptome hervorruft.
Unbehandelte Diabetiker sterben früher und leben länger in Krankheit
Menschen mit schlecht oder gar nicht behandeltem Diabetes sterben ca. 10 Jahre früher und leben dazu auch noch fast 9 Jahre in Krankheit. Daher benötigen sie unbedingt gute ärztliche Behandlung. Diese ist entscheidend für das Fortschreiten der Erkrankung und die damit verbundenen Folgeerkrankungen. Besorgniserregend ist, dass in Deutschland ca. 30 % der Diabetiker keine Therapie erhalten – besonders vor dem Hintergrund, dass wenn sich Diabetiker therapieren lassen, dies bei den Meisten (60 %) erfolgreich ist. Je früher der Diabetes auftritt und unbehandelt bleibt, desto gravierender sind die Auswirkungen.
Diabetes – der Anti-Robin Hood. Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status haben ein doppelt so hohes Erkrankungsrisiko. Ein geringeres Einkommen und niedriger Bildungsgrad ist leider ein Risikofaktor für viele Volkskrankheiten, so auch für Diabetes.
Gut behandelbar mit modernen Medikamenten
Diabetes ist heutzutage gut behandelbar – mit bekannten Blockbuster-Medikamenten wie den Abnehmspritzen (Wegovy, Ozempic, Mounjaro) oder den herz- und nierenschützenden SGLT2-Hemmern (Jardiance, Forxiga). Auch der Klassiker Metformin ist aufgrund seiner positiven Effekte auf den Stoffwechsel als Langlebigkeitsmedikament (Longevity) wieder in den Fokus gerückt.
Symptomatik und Diabetesrisiko
Die Symptome bei Diabetes
Jeder ist mal müde und abgeschlagen – aber hat deshalb noch lange keinen Diabetes. Diabetes verläuft vor allem im Frühstadium häufig symptomlos oder zeigt nur unspezifische Anzeichen, welche zu vielen Erkrankungen oder einfach einer „schlechten" Lebensphase passen. Deshalb bleibt die Erkrankung oft jahrelang unerkannt. Erste Symptome treten meist durch den erhöhten Blutzuckerwert auf:
Bleibt der Diabetes unentdeckt, steigt langfristig das Risiko für schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Nerven-, Nieren- und Augenschäden sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Die Risikofaktoren des Diabetes
Die Risikofaktoren sind vielseitig und schließen neben der genetischen Veranlagung die bekannten ungesunden Lebensgewohnheiten, aber auch soziale und externe Faktoren mit ein.
Genetische und familiäre Belastung
Z. B. bekannte Diabeteserkrankungen bei den Eltern.
Lebensstilfaktoren
Bewegungsmangel und überwiegend sitzender Lebensstil. Übergewicht, insbesondere übermäßiges Bauchfett. Ungesunde Ernährung, insbesondere ballaststoffarme und fettreiche Kost. Rauchen und regelmäßiger Alkoholkonsum.
Externe und umweltbedingte Faktoren
Exposition gegenüber Luftverschmutzung oder Lärm kann das Risiko erhöhen. Niedriger sozioökonomischer Status.
Diabetes-Risikoscores: FINDRISK und DRS
Um das individuelle Diabetesrisiko frühzeitig zu erkennen, können Diabetes-Risikoscores wie der Deutsche Diabetes-Risikoscore (DRS) oder der FINDRISK-Test genutzt werden. Beide berücksichtigen Faktoren wie Geschlecht, Alter, Körpermaße, familiäre Vorbelastungen und Lifestylefaktoren, um das individuelle Diabetesrisiko in den nächsten 10 Jahren zu ermitteln.
Bei einem hohen Risikowert empfiehlt es sich, direkt mit Lifestyle-Changes zu beginnen – unabhängig davon, ob bereits Diabetes vorliegt oder nicht.
FINDRISK-Score
Bewertungskriterien – 10-Jahres-Diabetesrisiko
| Kriterium | Option | Punkte |
|---|---|---|
| Alter | < 45 Jahre · 45–54 J. · 55–64 J. · > 64 J. | 0 / 2 / 3 / 4 |
| BMI | < 25 kg/m² · 25–30 · > 30 kg/m² | 0 / 1 / 3 |
| Taillenumfang | M: < 94 cm / F: < 80 cm · M: 94–102 / F: 80–88 · M: > 102 / F: > 88 | 0 / 3 / 4 |
| Körperliche Aktivität | Täglich mind. 30 Min. Ja / Nein | 0 / 2 |
| Gemüse, Obst | Jeden Tag / Nicht jeden Tag | 0 / 1 |
| Blutdruckmedikamente | Nein / Ja | 0 / 2 |
| Erhöhter Blutzucker bekannt | Nein / Ja | 0 / 5 |
| Diabetes in der Familie | Nein · Großeltern / Tante / Onkel · Eltern / Geschwister / eigenes Kind | 0 / 3 / 5 |
Risikobewertung – Wahrscheinlichkeit in den nächsten 10 Jahren an Diabetes Typ 2 zu erkranken:
Die Diagnostik des Diabetes
Diabetes wird durch einen einfachen Bluttest diagnostiziert: Nüchternglukose und Langzeitblutzuckerwert (HbA1c) reichen aus. Da ca. 2 Mio. Menschen in Deutschland Diabetes haben, ohne es zu wissen, und die Symptome sehr unspezifisch sind oder erst spät auftreten, wird ein Diabetes-Screening für bestimmte Risikogruppen empfohlen.
Diagnosekriterien im Überblick
| Blutwert | Gesund | Prädiabetes | Diabetes Typ 2 |
|---|---|---|---|
| Nüchternblutzucker | < 100 mg/dL (< 5,6 mmol/L) | 100–125 mg/dL (5,6–6,9 mmol/L) | ≥ 126 mg/dL (≥ 7,0 mmol/L) |
| HbA1c (Langzeitblutzucker) | < 5,7 % (< 39 mmol/mol) | 5,7–6,4 % (39–47 mmol/mol) | ≥ 6,5 % (≥ 48 mmol/mol) |
| Gelegenheitsblutzucker | – | – | ≥ 200 mg/dL (≥ 11,1 mmol/L) |
| Oraler Glukosetoleranztest (oGTT) | < 140 mg/dL (< 7,8 mmol/L) | 140–199 mg/dL (7,8–11,0 mmol/L) | ≥ 200 mg/dL (≥ 11,1 mmol/L) |
Die einzelnen Messmethoden erklärt
Gelegenheitsplasmaglukose
Misst den Blutzucker zu einem beliebigen Zeitpunkt – ohne Vorbereitung oder Nüchternheit. Ein sehr hoher Wert (≥ 200 mg/dl) kann auf Diabetes hindeuten, reicht aber allein nicht zur sicheren Diagnose. Er dient eher als Hinweis bei zufällig entdeckten Werten.
Nüchternblutzucker
Wird gemessen, nachdem man mindestens acht Stunden nichts gegessen hat, üblicherweise morgens vor dem Frühstück. Werte ab 126 mg/dl können auf Diabetes hindeuten.
Langzeitblutzucker (HbA1c)
Zeigt den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel der letzten zwei bis drei Monate. Werte ab 6,5 % weisen auf Diabetes hin. Da kurzfristige Ernährung oder Fasten ihn nicht beeinflussen, ist er der im medizinischen Alltag wichtigste Diabetesmarker. Er wird zudem genutzt, um den Therapieerfolg zu überprüfen.
Oraler Glukosetoleranztest (oGTT)
Nach einer 8–12-stündigen Fastenphase wird der Nüchternblutzucker gemessen, dann trinkt man Zuckerwasser mit 75 g Glukose. Zwei Stunden später erfolgt eine erneute Messung, um festzustellen, wie gut der Körper den zugeführten Zucker verarbeiten konnte.
Diagnostische Genauigkeit von HbA1c und Nüchternblutzucker
Studien zeigen, dass der HbA1c sehr zuverlässig ist (Spezifität über 95 %), aber manchmal Menschen mit Diabetes übersieht (Sensitivität ca. 50 %). Der Nüchternblutzuckertest ist ähnlich genau (Spezifität 95–98 %, Sensitivität ca. 60 %).
Wichtig: Wer einen normalen HbA1c oder Nüchternblutzuckerwert hat, kann sich nicht zu 100 % sicher sein, keinen Diabetes zu haben. Zwei Tests in Kombination erhöhen die Sicherheit. Die geringe Sensitivität beider Tests macht ein regelmäßiges Screening sinnvoll.
Screening-Empfehlungen
Ohne erhöhtes Risiko: Wer zum Check-up 35 und dann alle 3 Jahre zur Vorsorge geht, erhält automatisch einen Diabetes-Test. Ein Screening alle 3 Jahre ist bei geringem Risiko ausreichend.
Mit erhöhtem Risiko: Schon vor dem Check-up 35 einen Diabetes-Test durchführen lassen. Hierfür bietet sich der einmalige Check-up vor 35 an (für alle zwischen 18 und 35 Jahren). Bei erhöhtem Risiko ist ein jährlicher Diabetes-Test sinnvoll.
Die Therapie des Diabetes
Sollte eine medikamentöse Therapie erforderlich sein, sollte die Entscheidung mit dem Patienten gemeinsam getroffen werden (Partizipationsprinzip). Die Insulintherapie gilt es zu verhindern.
Die Behandlung des Prädiabetes
Prädiabetes wird in der Regel zunächst ohne Medikamente behandelt. Durch Lifestyle-Changes (Gewichtsabnahme, ausgewogene Ernährung, körperliche Aktivität) kann in ca. 50–60 % der Fälle ein Diabetes verhindert werden. Trotz intensiver Bemühungen entwickeln etwa 40–50 % der Betroffenen langfristig einen manifesten Diabetes.
Die Behandlung des Diabetes – Step-by-Step
Wie beim Prädiabetes wird zunächst eine nicht-medikamentöse Behandlung empfohlen. In Absprache mit dem Patienten und je nach Risikoprofil können auch zum Therapiestart schon Medikamente eingesetzt werden – dies ist im medizinischen Alltag auch gängige Praxis.
Gewichtsreduktion zur Normalisierung des BMI, ausgewogene Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität. Das beste Medikament und der beste Lifestyle-Change sind die, an die sich der Patient hält.
Als Erstmedikament kommt in der Regel Metformin zum Einsatz. Es hat positive Effekte auf den Stoffwechsel und ist aufgrund dieser Wirkungen auch als Longevity-Medikament wieder in den Fokus gerückt.
Je nach Risikoprofil – insbesondere bei vorliegenden Herz- oder Nierenerkrankungen – wird ein modernes Antidiabetikum hinzugefügt. GLP-1-Agonisten (Ozempic, Wegovy) sind besonders bei Gewichtsreduktion wirksam. SGLT2-Hemmer (Jardiance, Forxiga) schützen zusätzlich Herz und Nieren.
Die Insulintherapie sollte die letzte Stufe der medikamentösen Therapie sein. Vor jeder Therapieeskalation ist zu prüfen, warum die bisherigen Ziele nicht erreicht wurden.
Der zusätzliche Nutzen moderner Antidiabetika
Moderne Antidiabetika wie GLP-1-Agonisten und SGLT2-Hemmer bieten über die reine Blutzuckersenkung hinaus wichtige Zusatznutzen: Sie reduzieren das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, schützen die Nieren, können Nierenschäden hinauszögern und führen häufig zu Gewichtsreduktion.
Klare Therapieziele und sinnvolle Re-evaluation
Menschen mit Diabetes und ihre behandelnden Ärzte sollten klare, am besten schriftlich festgehaltene Therapieziele vereinbaren. Allgemein wird ein HbA1c-Wert zwischen 6,5–7,5 % (48–58 mmol/mol) angestrebt. Die Therapie sollte regelmäßig alle 3–6 Monate überprüft und angepasst werden.
Small Simple Steps: Je kleiner und messbarer die zu bewältigende Aufgabe, desto wahrscheinlicher ist der Erfolg. Kreativität und individuelle Therapieziele sind ausdrücklich erwünscht.
Folgeerkrankungen durch langjährigen Diabetes
Wenn ein Typ-2-Diabetes festgestellt wurde, rückt nicht nur der Blutzucker in den Fokus. Langfristig kann ein hoher Blutzuckerspiegel zu ernsthaften Schäden an Blutgefäßen und Nerven führen. Die Leitlinien empfehlen regelmäßige gezielte Untersuchungen nach der Diagnose.
1. Bluthochdruck (Hypertonie)
Über 80 % der Menschen mit Diabetes entwickeln im Laufe der Zeit einen zu hohen Blutdruck. Die Kombination aus Bluthochdruck und Diabetes erhöht das Herz-Kreislauf-Risiko immens.
Screening: Jährlich2. Herzerkrankungen: KHK & Herzinsuffizienz
Die koronare Herzkrankheit tritt bei Diabetikern doppelt so häufig auf, was das Risiko für Herzinfarkte oder eine Herzschwäche stark erhöht.
Screening: Jährlich (SCORE2)3. Schlaganfälle
Diabetes verdoppelt das Risiko für Schlaganfälle, weil die Gefäßschäden nicht nur am Herzen, sondern im gesamten Körper auftreten können.
Screening: Jährlich (SCORE2)4. Nervenschäden (Diabetische Neuropathie)
Etwa jeder Dritte mit Diabetes entwickelt Nervenschäden, die zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen oder Wundheilungsstörungen an den Füßen führen können.
Screening: Alle 1–2 Jahre5. Nierenschäden (Nephropathie)
Jeder 3.–5. Diabetiker erkrankt an einer chronischen Nierenerkrankung, die unbehandelt bis zur Dialysepflichtigkeit führen kann.
Screening: Jährlich6. Diabetisches Fußsyndrom
Schäden an Nerven und Durchblutungsstörungen erhöhen das Risiko für hartnäckige Wunden an den Füßen, die im schlimmsten Fall zur Amputation führen können.
Screening: Mind. Jährlich7. Augenerkrankungen (Diabetische Retinopathie)
Etwa jeder Zehnte ist von Netzhautschäden betroffen, welche im schlimmsten Fall zu Blindheit führen können.
Screening: Alle 2 Jahre8. Depressionen
Menschen mit Diabetes haben ein doppelt so hohes Risiko für depressive Störungen, was den Umgang mit und die Therapie der Erkrankung zusätzlich erschweren kann.
Screening: JährlichHäufig gestellte Fragen
Unser Anliegen und Disclaimer
Dass Volkskrankheiten mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Menschen aus niedrigen Einkommens- und Bildungsverhältnissen treffen, ist ein brisantes Thema. Dieser Artikel erreicht vermutlich eher Menschen aus dem höheren Bildungs- und Einkommensniveau. Solltest du das hier lesen und dich selbst in der Gruppe „niedriger sozioökonomischer Status" sehen, melde dich gerne bei uns. Wir interessieren uns sehr dafür, ob dich der Artikel angesprochen hat.
Disclaimer: Dies ist keine medizinische Beratung und ersetzt nicht den Arztbesuch. Dies ist lediglich unsere Idee von Gesundheit und es wird keine Haftung für die Umsetzung dieser Idee übernommen.
Referenzen
- Nationale Versorgungsleitlinie Diabetes Mellitus Typ 2: leitlinien.de/themen/diabetes
- Finnish Diabetes Risk Score (FINDRISK): diabetesde.org/risikotest
- Deutscher Diabetes-Risikoscore (DRS): diabetesstiftung.de
- SMART-Schema Therapiezielvereinbarung: orghandbuch.de
- Herz-Kreislauf-Risikoscore SCORE 2/2-OP (ab 40 J.): agla.ch
- PREVENT Score (30–40 J.): professional.heart.org
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